Spätestens seit der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawik sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Wahrnehmung befasst hat, wissen wir, dass jeder Mensch in seiner eigenen Wirklichkeit lebt. Jeder nimmt die Umwelt und sich selbst durch einen ganz persönlichen Filter wahr. Wir unterscheiden die subjektive Wahrnehmung von der objektiven Wahrnehmung.                                    http://lexikon.stangl.eu/19902/subjektive-wahrnehmung/              

subjektive Wahrnehmung erweitern

Entdecke, wie subjektive Wahrnehmung entsteht und wie du deine Wahrnehmung erweitern kannst.

Subjektive Wahrnehmung Definition

Subjektive Wahrnehmung ist ein aktiver und selektiver Vorgang. Er umfasst die passive Aufnahme von Reizen sowie die aktive Aufnahme von Informationen und deren Verarbeitung im Gehirn.

Dieser Prozess unterliegt der individuellen Subjektivität. Die komplexe Umwelt wird in eine vereinfachte, persönlich geprägte Umwelt übertragen.Die persönliche Prägung wird bestimmt von unserer Konstitution, Erfahrungen und Erlebnissen die wir bisher hatten. Durch diese Form der Interpretation und Bewertung entstehen Abweichungen zwischen der Realität und dem wahrgenommenen Bild der Umwelt.

Verschiedene Personen bilden dabei verschiedene Bilder der Wirklichkeit.

1) Subjektive Interpretation

Spinne subjektive Warhnehmung

 

Grundsätzlich nimmt jeder Mensch sich selbst und seine Umwelt mit seinen Sinnesorganen wahr, er empfindet dabei und das Resultat ist eine bestimmte Handlung. Bei der Verarbeitung entsteht die subjektive Interpretation. Das geschieht, wenn zum Beispiel zwei Personen eine Spinne sehen. Während die erste Person das Tier als Wunder der Natur begreift und genauer hinschaut, könnte die andere Person durch den Filter der Angst blicken. Die zweite Person wird das Tier als Gefahr interpretieren, weil sie einen anderen Filter nutzt als die erste.

2) Subjektive Bewertung

Die subjektive Bewertung hängt von den eigenen Wertmaßstäben einer Person ab. Wenn zwei Personen einem Kindergarten gegenüber wohnen, können beide regelmäßig Kinderlärm wahrnehmen. Während eine Person sich regelmäßig freut, weil sie Kinder als hohen Wert sieht, kann die andere jedesmal ärgerlich die Fenster schließen und eine neue Wohnung suchen. Für die zweite Person steht Ruhe im individuellen Wertesystem höher als Kinderlärm.

3) Das Bild von sich selbst

Die meisten Menschen bemühen sich darum, ein möglichst genaues Bild von ihrer eigenen Persönlichkeit zu gewinnen. Sie wollen ihre Stärken und Schwächen kennen, um sich in der Umwelt möglichst erfolgreich zu orientieren. Leider ist der Weg zur Selbsterkenntnis nicht immer leicht.

Subjektive Wahrnehmung greift auch bei der Eigenwahrnehmung.

Niemand kann sich selbst genau so sehen, wie er wirklich ist.

Auch bei intensiver Selbstbeobachtung werden die Eindrücke und Erkenntnisse durch einen persönlichen Filter geleitet. Dadurch weichen die Wahrnehmungen von der Realität ab. Mögliche Filter im Verlauf der Eigenwahrnehmung können das eigene Wunschbild von sich selbst sein. Die Filter, die die subjektive Wahrnehmung bestimmen, entstehen durch zahlreiche Einflüsse, die auf die Person einwirken.

4) Filter aus der Prägephase

Auch Prägungen aus der frühen Kindheit wirken als Filter. Eltern haben ein Bild von ihrem Kind, das ebenfalls auf subjektiver Wahrnehmung beruht. Sie können dieses Bild auf das Kind übertragen. So kann zum Beispiel ein ruhiges Kind von seinen Eltern stets hören, dass es schüchtern und ängstlich sei. In Wirklichkeit ist das Kind nur ein introvertierter Denker. Wenn die elterliche Prägung als Realität akzeptiert wird, wird der erwachsene Mensch sich nicht als Denker sehen, sondern sich für schüchtern und ängstlich halten. Dadurch verschließt sich ihm die Möglichkeit, seine Potenziale und Fähigkeiten voll auszuschöpfen.

Sobald du dir darüber klar bist, welche Filter du aus der Prägephase mitgenommen hast, kannst du beginnen, sie zu hinterfragen.

So machst du dich frei von der Meinung anderer über dich.

Um diese Art Filter zu entlarven, reicht oft schon ein Gespräch mit deinen Eltern oder Geschwistern über das Bild, das sie von dir haben.

5) Fremdbestimmung bei der Selbstwahrnehmung

Auch Fremdbestimmung wirkt als Filter. So kann beispielsweise die Werbung dafür sorgen, dass jeder Mensch ab einem bestimmten Alter sich als hilfsbedürftig erkennt. Bekannt ist, dass die Hochglanzbilder eines Supermodells bei Frauen ohne Modellmaße Komplexe auslösen können, die dazu führen, dass sie sich hässlich fühlen.

Wenn du diese Filter enttarnst, wirst du schnell merken können, dass sie weniger intensiv auf dich wirken.

So gelingt dir ein weiterer Schritt in Richtung Realitätsbewusstsein.

6) Beispiele für subjektive Wahrnehmung der eigenen Person

Jeder kennt das Phänomen, dass eine Person sich selbst für untalentiert hält, während die Außenwelt von ihren Begabungen begeistert ist. Das ist ein typisches Beispiel für die subjektive Wahrnehmung der eigenen Person.

Auch Charakterschwächen, die sich niemand gern zugesteht, werden häufig ausgefiltert. So kann zum Beispiel ein Mann sehr unter seinem aggressiven Vater gelitten haben. Er hat sich geschworen, niemals in dessen Fußstapfen zu treten. Trotzdem neigt er zu überzogenen Reaktionen, wenn er wütend ist. Diese Reaktionen nimmt er nicht als Aggression wahr, weil er die Ähnlichkeit mit seinem Vater zum eigenen Schutz nicht zulassen kann.

Fremdwahrnehmung als Spiegel

Wer immer nur sich selbst anschaut, wird sich nicht besonders gut kennen lernen.

Erst, wenn auch Impulse und Beobachtungen von außen zugelassen werden, kann sich das Bild der Persönlichkeit erweitern und verdichten.

Selbst- und Fremdwahrnehmung sind gleichermaßen wichtig, denn je mehr subjektive Eindrücke gesammelt werden, umso näher kann die Wahrnehmung der eigenen Person der Realität kommen. Da jeder sich selbst durch seine eigenen Filter betrachtet, entstehen viele Bereiche, die nicht gesehen werden. Diese Bereiche können mit Hilfe der Umwelt also deiner Mitmenschen sichtbar gemacht werden. Je mehr der eigenen Eigenschaften sichtbar sind, umso besser kann der Einzelne seine Stärken und seine Schwächen erkennen. Damit bieten sich ihm zunehmend mehr Möglichkeiten, sich in der Umgebung erfolgreich zu positionieren.

Das Reflektionsgespräch als Hilfestellung

Freunde, Verwandte, Kollegen, der Partner, Vorgesetzte haben und machen sich ein Bild von uns und wir natürlich von Ihnen. Zusätzlich gibt es ein Bild, das wir selbst von uns erschaffen haben.

So kommt es zu Situationen, in denen wir das Gefühl entwickeln, jemand sieht uns falsch oder unterstellt uns Eigenschaften, die nicht vorhanden sind. So entstehen auch oft Konflikte oder Meinungsverschiedenheiten. Wer in solchen Situationen offen bleibt, begreift die Wahrnehmung des anderen als möglichen Teil der Realität. So kann sich der Horizont erweitern. Ein gemeinsames Arbeiten an der Realität führt zwangsläufig zu einem besseren Verständnis für sich selbst und im Miteinander.

Subjektive Wahrnehmung erweitern durch Feedback

 

Wer sich den Impulsen von außen verschließt, bewahrt damit den sogenannten “Blinden Fleck”. Das ist der Teil der Persönlichkeit, den niemand an sich selbst sehen kann. Dieser Blinde Fleck kann verkleinert werden, sobald Reflektionsgespräche als konstruktive Erweiterung des eigenen Wissens begriffen werden. Die Möglichkeiten, die auf dem blinden Fleck verborgen sind, bieten neue Wege der eigenen Verwirklichung.

Ein Beispiel:

Eine Frau erlebt sich als eher schüchtern und zurückhaltend. Sie ist der Überzeugung, nicht viel zu geben zu haben, was andere attraktiv finden könnten. Sie lernt einen Mann kennen, der in ihr eine sensible und empathische Zuhörerin entdeckt. Wenn sie dazu übergeht, seine Wahrnehmung zuzulassen, kann sie beginnen, nach der Sensibilität und Empathie in ihrer Persönlichkeit zu suchen.

Vielleicht hatte er Recht und diese Eigenschaften lagen für sie selbst unsichtbar auf ihrem Blinden Fleck. Seine subjektive Wahrnehmung ihrer Person kann in diesem Fall dabei helfen, verborgene Potenziale ans Licht zu bringen.

Ist das geschehen, hat sich ihr Selbstbild erweitert und sie hat Zugriff auf zusätzliche wichtige Potenziale im Umgang mit anderen.

Selbstwahrnehmung trainieren

Wenn du in der Wahrnehmung deiner eigenen Person unsicher bist, kannst du einiges unternehmen, um deinen Zugang zu dir selbst zu stärken.

  • Eine bewährte Möglichkeit ist ein Tagebuch zu führen, indem du nicht nur deine Erlebnisse, sondern auch deine Gefühle notierst
  • Auch und Zeiten, in denen du mit dir ganz allein bist, können dir ein besseres Bewusstsein über dich selbst verschaffen
  • Reflektiere die Reaktionen und Handlungen deiner Umwelt dir gegenüber
  • Schau dir Situationen und den Ablauf dieser vor deinem inneren Auge an 
  • Beobachte deinen Alltag, dein Empfinden und deine Handlungen
  • Tausche dich mit Menschen aus um der Realität näher zu kommen so stärkst du auch zwischenmenschliche Beziehungen

Eine sehr gute Hilfestellung gibt uns das Buch  Wahrnehmung von Evelyn Böck*

 

Wahrnehmung, Evelyn Böck

Oder mit Hilfe einer Meditation kann die Selbstwahrnehmung wunderbar trainiert werden:

Meditation für Skeptiker von Ulrich Ott* bietet eine fundierte Grundlage:

 

Meditation für Skeptiker

Das Bild von der Welt

 

Auch dein Bild von der Welt ist durch subjektive Wahrnehmung geprägt.

Dein Blick auf die Umgebung unterliegt den gleichen Filtern wie dein Selbstbild. So kannst du Situationen vollkommen anders einschätzen als ein Mensch, der die gleiche Situation mit dir erlebt. Das geschieht sehr oft in Hinblick auf die Vergangenheit. Zwei Personen blicken oft vollkommen unterschiedlich auf vergangene Situationen zurück. Auch hier erweitern Gespräche die Wahrnehmung und verändern die eigene Sicht.

Kommunikation führt dazu, dass wir verschiedene Blickwinkel des gleichen Geschehens wahrnehmen können.

Fazit:

  • Subjektive Wahrnehmung ist ein Vorgang, den niemand verändern kann
  • Wenn du deine Wahrnehmung so nah wie möglich an die Realität angleichen möchtest, sind die Bilder, die andere von dir haben, eine wichtige Hilfe
  • In Reflektionsgesprächen kannst du dein Bild von dir selbst verändern und vor allem erweitern
  • Dein eigenes Selbstbild ist eine der Ursachen für deine Erfolge oder Misserfolge im Leben
  • Es bestimmt, was du dir zutraust und was du eher vermeiden möchtest
  • Je mehr Blickwinkel du einnehmen kannst, umso genauer wird dein Bild von dir selbst und von deiner Umgebung

 

Der bewusste Umgang mit dem Wissen unserer individuellen Wirklichkeit stellt eine enorme Bereicherung für unser Leben dar er trägt dazu bei unser Verhalten besser zu verstehen. 

Der Versuch uns gemeinsam näher an die Realität zu bringen erleichtert unsere zwischenmenschlichen Beziehungen enorm. 

Zu Wissen das jeder sein “Päckchen” mitbringt und deshalb entsprechende Reaktionen zeigt schenkt uns einen hervorragenden Ansatzpunkt.

 

Viel Spaß bei der Entdeckung unserer Realität! 😆 


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